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Block

Karl Walter Block war der einzige Sohn von Irmgard Block, geborene Mucek, und Heinrich Maria Block, der im Krieg Hauptmann gewesen war und in Berlin in einem wichtigen geheimen Amt tätig, bis er auf Hitlers Anordnung und aus Gründen, die nie jemand erfahren hatte, unehrenhaft entlassen und zurück nach Oberösterreich geschickt worden war, wo ihm nichts anderes blieb, als sich den Rest seines Lebens von früh bis spät auf dem von seinen Eltern ererbten Bauernhof abzurackern. Seine Wut über dieses Schicksal ließ er bei jeder Gelegenheit an seinem Sohn aus. Er schlug ihn, wenn er nicht gehorchte, oder nicht schnell genug gehorchte, oder etwas falsch machte, oder einfach, weil ihm danach war. Er nannte ihn dumm und lebensuntüchtig, und er nannte ihn schwach, was, wie sich bald zeigte, nicht stimmte, denn Karl Walter wuchs überraschend schnell heran und entwickelte sich zu einem zähen, drahtigen Jungen, der mit anpacken konnte und stark genug wurde, daß sein Vater es ab einem gewissen Zeitpunkt bei Schmähungen beließ.

Karl Walter gehorchte seinem Vater, haßte ihn aber und schwor sich Rache. Seine Mutter, die ihn nie gegen den Vater in Schutz nahm, verachtete er nur.

In der Schule hätte Karl Walter Block gern die Leistungen erbracht, die seine Lehrer von ihm verlangten, aber das gelang ihm nicht. Er konnte einem Handwerker zusehen und es dann genauso gut machen wie jener, oder sogar besser, doch das Papier und die Bücher waren nicht seine Welt.

Weitere Gründe waren, daß er auf dem Hof kräftig mit anpacken mußte und oft nicht dazu kam, seine Hausaufgaben zu erledigen; ja, oft war er morgens in der Schule so knochenmüde, daß er Mühe hatte, überhaupt wach zu bleiben. Von allen Mitschülern kam er am ärmlichsten gekleidet an, was die meisten Lehrer veranlaßte, sich mit ihm keine sonderliche Mühe zu geben. Daß er dem Spott und den Hänseleien seiner Mitschüler oft nur mit der Faust zu begegnen wußte, trug ihm zusätzliche schlechte Noten, Strafarbeiten und bisweilen Nachsitzen ein, was wiederum Prügel von seinem Vater nach sich zog.

Eines Tages, kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag, beschloß er, daß es nun genug war. In den frühen Morgenstunden packte er kalt entschlossen statt der Schulsachen ein paar Kleider in seinen Ranzen, dazu alles Geld, das er sich insgeheim mühsam zusammengespart hatte, und verließ sein Elternhaus, um fast drei Jahrzehnte lang nicht wiederzukehren, auch nicht zum Begräbnis seiner Mutter.

 

Fernab von zu Hause kam Karl Walter Block besser zurecht, als er befürchtet hatte. Er war zu jeder Arbeit, auch zu jeder Straftat bereit gewesen, um nicht mehr zurück gehen zu müssen, aber da er groß genug war, um als älter durchzugehen, sogar als Erwachsener, wenn einer nicht genau hinsah - und wer sah schon genau hin? -, und er wenig Ansprüche hatte, schien es ihm, als nehme sie ihn mit offenen Armen auf, die große, weite Welt. Und wie groß und wie weit sie war! Die einzige Stadt, die er bis dahin gekannt hatte, war Kremsmünster gewesen. Steyr kam ihm gewaltig vor, Linz wie eine Weltstadt, die zweifellos auch von mythischen Orten wie Paris oder New York nicht mehr übertroffen werden konnte. Je weiter die Reise ging, desto stärker erfüllte ihn unbändige Lust, sie kennenzulernen, die Welt. Zu reisen, in ferne Länder, je ferner, je besser!

So schlug er sich schließlich nach Hamburg durch, mit nichts als sich selbst und dem vagen Plan, auf einem Schiff anzuheuern, das die Weltmeere befuhr. Doch kaum angekommen, lernte er jemanden kennen, der eine Stellung als Bohrtechniker bei einer Erdölfirma antrat, und der ihm sagte: »Komm doch einfach mal mit.« Das tat Karl Walter Block, und am Abend desselben Tages hatte er einen Anstellungsvertrag, in dem ein falsches Geburtsdatum stand, sowie ein Ticket nach Venezuela.

Das Handwerk des Ölbohrens erlernte sich von selbst. Er ging mit den anderen, tat, was sie taten, und hantierte auf einmal mit Diamant- und Rollenmeißeln, mit Hebewerksmotoren und mit Spülschläuchen, die dicker waren als sein Oberschenkel. Er packte zu, wenn es galt, den Haken des Flaschenzugs zu manövrieren, der zusammen mit dem Spülkopf leicht acht Tonnen und mehr wog. Gemeinsam wuchteten sie die Bohrstangen beim Meißellauf oder die Futterrohre, wenn eine abgeteufte Produktionsbohrung zu verrohren war. Und wenn das Bohrgestänge brach, war keiner so geschickt wie er, mit Fangdorn und Glocke den »fish« wieder herauszuholen. Er wühlte mit bloßen Händen in der Bohrspülung und lernte, am Geruch und daran, wie sich das anfühlte, was da aus der Tiefe hochkam, zu erkennen, was sich unter ihnen abspielte. Nebenbei lernte er Englisch und Spanisch, den Umgang mit Alkohol und den mit den Mädchen, die dort in Maracaibo aufregend rochen und leicht zu haben waren.

In Venezuela arbeiteten sie, was das Zeug hielt, förderten Öl auf Teufel komm raus. Gerade als ihm  langweilig zu werden begann, fragte ihn jemand von der Company, ob er sich vorstellen könne, in Indonesien zu arbeiten. Karl Walter Block wußte nichts über Indonesien und konnte sich eigentlich überhaupt nichts darunter vorstellen, aber er sagte: »Klar.«

Ein paar Tage später bestieg er ein Flugzeug, das ihn nach Sumatra brachte. Dort arbeitete er erst ein paar Wochen im Duri-Feld, wo es neue Methoden zu lernen galt, denn dieses Feld enthielt nur Schweröl, und man mußte Dampf in den Boden pressen, um es herauszulösen. Danach teilte man ihn einem Trupp zu, der weitere Lagerstätten in der Java-See erschließen sollte, von Bohrplattformen aus, die im küstennahen Gewässer errichtet wurden. »Off-shore« sagte man dazu, und es hieß, diese Art der Förderung aus dem Meer habe noch eine große Zukunft. Es waren immer noch die Sechzigerjahre, die Amerikaner waren unterwegs zum Mond, und niemand dachte im Ernst darüber nach, daß die Ölvorkommen begrenzt sein könnten.

Dann ging er nach Afrika, wo Shell bereits seit über einem Jahrzehnt in Nigeria Öl förderte. Man war dabei, ins Niger-Delta vorzustoßen, ein über fünfzig Kilometer breites Schelf, dessen Wassertiefe bis zu zweihundert Meter betrug, und Karl Walter Block kam erstmals in ein Explorationsteam.

Das war eine neue Erfahrung. Frustrierend auf der einen Seite, weil von zehn Bohrungen mindestens neun erfolglos blieben, erregend auf der anderen Seite, weil es trotz aller Voruntersuchungen, aller Seismik, Luftaufnahmen und magnetischer Messungen letzten Endes eine Jagd war, ein Ringen mit der Natur und dem Unbekannten, ein Kampf von zu allem entschlossenen Männern gegen Naturgewalten. Tropische Stürme rasten über sie hinweg, während sie Gestänge verschraubten und die Dieselmotoren, die den Drehtisch trieben, wieder und wieder anwarfen, triefend vor Nässe und am Rand der Erschöpfung. Dann wieder brannte ihnen die erbarmungslose Sonne des Äquators auf die Haut, daß sie kaum atmen konnten und nach kurzer Zeit fast so braun waren wie die Einheimischen, die in der ganzen Angelegenheit wenig zu sagen hatten und mit denen sie wenig zu tun bekamen. Einen Mann verloren sie, weil er sich zum Scheißen über eine Stange der Bohrinsel hockte, die zu dicht überm Wasser lag, und ein Raubfisch kam und ihn holte und nur eine Blutlache zurückließ; sie erfuhren nie, was für ein Tier das gewesen war.

Und doch blieben sie erfolglos. Die Geologen brüteten über ihren Karten, den Auswertungen der seismischen Untersuchungen, den Bohrkernen, berieten sich, telefonierten, stellten Berechnungen an - nur um zu erleben, daß die Stelle, die sie auf diese Weise festlegten, wieder nichts erbrachte.

»Es ist aussichtslos«, erklärte der Chefgeologe schließlich vor versammelter Mannschaft. Der April des Jahres 1968 war angebrochen, an der Wand der Baracke hingen die ganze Karten, die bisherigen Aufschlußbohrungen waren rot eingezeichnet, und sie bekamen ebenso ausführlich wie unverständlich erklärt, wo aufgrund der geologischen Beschaffenheit mit Öl gerechnet worden war.

Da, zwischen den anderen auf seinem Stuhl hockend, eine Flasche eisgekühlten Biers in der Hand, spürte Karl Walter Block zum ersten Mal das, was er später »das Gefühl« nennen würde.

Er sah die eine Karte an, die allererste, allerälteste seismische Karte, und das, was der Wissenschaftler sagte, wurde zu einem dumpfen, unverständlichen Geräusch. Eine Stelle auf dem abgegriffenen, verblichenen, vielfach eingerissenen Papierbogen schien zu leuchten. Oder zwinkerte sie ihm zu? Karl Walter Block wußte es nicht. Das nächste, was er wußte, war, daß er aufgestanden und vor die Karte getreten war, auf die Stelle zeigte und sagte: »Da. Da müssen wir bohren.«

Es war Instinkt. Scheiß auf die ganze Technik, zur Hölle mit der ganzen Wissenschaft, wenn sie das Öl nicht fand. Jagdinstinkt, das war es. Die älteste Fähigkeit der Menschen.

Die Geologen lachten nicht. Sie sahen ihn nur peinlich berührt an.

»Karl«, sagte einer, »da ist nichts. Nicht einmal der Hauch einer Chance.«

Block, der damals gerade 22 war, obwohl alle ihn für älter hielten, schüttelte dickköpfig seinen steyrischen Schädel. »Da ist Öl.« Er hob die Bierflasche ein wenig. »Ich hab's im Urin.«

»Sie sind betrunken, Karl.«

»Wenn Sie es sagen.« Er setzte sich wieder.

Am nächsten Tag benannte das Geologenteam die letzte Stelle, an der sie bohren würden. Sie lag fast genau an dem Punkt, auf den Karl Walter Block gezeigt hatte. Sie bohrten, und sie fanden Öl. Das Feld wurde später auf rund eine Milliarde Barrel geschätzt, und man gab ihm den Namen Forcardos Yokri.

 

So hatte die Gesellschaft auf seinen Ratschlag hin ein Ölfeld gefunden, aus dem sie in den kommenden Jahren eine Milliarde Barrel fördern und mehrere Milliarden Dollar Gewinn ziehen würde, doch Karl Walter Block bekam nicht einmal ein Wort des Dankes, von einer Prämie ganz zu schweigen. Das verstimmte ihn.

Doch daß auch keiner der Ölingenieure auf die Idee kam, ihn zu fragen, wie er das gemacht und woher er das gewußt hatte, war unverzeihlich. Von diesem Augenblick an waren Blocks Tage bei dieser Gesellschaft gezählt.

Oh, er blieb. Und er arbeitete auch. Mehr noch, womöglich. Er war für die schwierigen Jobs zu gewinnen, für die Einsätze, die so dreckig und hart waren, daß die Gesellschaft von sich aus Zulagen zahlte. Er wechselte zu einer anderen Firma, bohrte in der Nordsee, schuftete auf Bohrplattformen, über die Orkane von über hundertvierzig Stundenkilometern hinwegtobten und gegen die das Meer manchmal so wütend anbrüllte, daß man sich auch schreiend kaum noch verständigen konnte. Er ging nach Alaska, wo es das Ende der Sechzigerjahre entdeckte größte Ölfeld Nordamerikas, die Prudhoe Bay, zu erschließen galt, in grimmiger Kälte und in Blizzards, denen mehr als ein Techniker zum Opfer fiel. Und er lebte nun sparsam, trug sein Geld nicht mehr ins Bordell, sondern auf die Bank.

Im Lauf der Jahre verdichtete sich zur Gewißheit, was er in Nigeria zum ersten Mal bemerkt hatte: Er konnte Öl finden, wo andere keines fanden. Er hatte einen sechsten Sinn für das, was sich unter der Erde verbarg.

Wann immer sich die Gelegenheit ergab, arbeitete er in Explorationsteams mit, nur mit dem Unterschied, daß er nun schön den Mund hielt. Alles, was er tat, war, sich die Karten anzuschauen, die seismischen Daten, die mineralogischen Befunde, die Luftaufnahmen und Satellitenbilder und was noch alles im Lauf der Jahre hinzukam. Er schaute sich alles an, immer wieder, stundenlang, wenn man ihn ließ, und wartete darauf, daß seine Intuition zu ihm sprach. Insgeheim sah er sich Punkte auf diesen Karten an und sagte zu sich: »Hier wird man Öl finden... und hier... und hier...« Er wartete, bis alle Bohrungen erfolgt waren und sich zeigte, wo Öl war. Und fast immer lag er richtig.

Doch er verriet niemandem ein Wort. Nie wieder würde eine Ölgesellschaft von seinem Talent profitieren. Der Tag würde kommen, an dem er selber Öl finden würde, auf eigene Rechnung. Der Tag würde kommen, an dem er es ihnen allen zeigen würde.

Der Tag kam schneller als erwartet.

Eines Tages - Block war gerade bei einem Offshore-Projekt im Golf von Mexiko beschäftigt - kam ein Brief mit zahlreichen Stempeln und Vermerken und einer österreichischen Briefmarke darauf an. Er sah hochoffiziell aus, und er war es. Das Amtsgericht Steyr teilte ihm mit, daß sein Vater, Hauptmann a.D. Heinrich Maria Block, geboren am 13. August 1915, verstorben sei und er alleiniger Erbe von dessen Besitz, namentlich dessen Hof und Grund. Er möge bitte unverzüglich vorstellig werden zwecks Regelung aller weiteren Formalitäten.

Karl Walter Block ließ sich vom nächstbesten Hubschrauber mit an Land nehmen und nahm das nächstbeste Flugzeug nach Österreich. Zwei Tage später war er Besitzer des Block'schen Hofes. Das Grab seines Vaters aufzusuchen ersparte er sich.

In den kommenden Tagen schritt er die Felder und Wiesen ab, die zum Hof gehörten, den Blick unverwandt nach unten gerichtet, als suche er etwas. Er wiederholte diese Rundgänge zu verschiedenen Tageszeiten, bei Regen und bei Sonnenschein, und manchmal, so berichteten neugierige Nachbarn in der Dorfschenke, legte er sich irgendwohin, mitunter mitten in ein Stoppelfeld, so, als wolle er am Boden horchen.

»Was werden Sie denn jetzt mit dem Hof anfangen?« wollte ein Mann wissen, der einfach so mit seinem Auto angefahren gekommen war. Er trug einen braungestreiften Anzug und konnte eigentlich nur ein Immobilienmakler sein, der auf ein gutes Geschäft geierte. »Jemand wie Sie, der doch auf den Ölfeldern der Welt zu Hause ist, nicht in der Landwirtschaft?«

»Ich werde«, erklärte Karl Walter Block ruhig, »hier nach Öl bohren.«

 

Natürlich hielten ihn alle für übergeschnappt, und zwar vollkommen. Die Behörden schickten ihm seine ersten Anträge mit dem Vermerk zurück, verscheißern könnten sie sich selber. Die Banken weigerten sich, mit ihm auch nur über Kredite zu verhandeln. Im Dorf nannte man ihn »den Ölscheich« und hatte eine Menge zu lachen.

Doch wenn sie geglaubt hatten, einen Karl Walter Block aufhalten zu können, hatten sie sich getäuscht. Er nahm sich einen Anwalt, der die Behörden zwang, sich mit den Anträgen auf Erteilung einer Bohrerlaubnis auseinanderzusetzen. Natürlich wurden sie abgelehnt, doch der Anwalt zerpflückte die Ablehnungsgründe, bis nichts mehr davon übrig war, und schließlich wurden die ersten Genehmigungen erteilt - allerdings mit den strengstmöglichen Umweltauflagen, und dagegen war auch der Anwalt machtlos.

Karl Walter Block durfte bohren - aber er mußte, obwohl weit und breit niemand wohnte, die gesetzlich vorgeschriebenen Schallgrenzwerte von 45 dB(A) bei Nacht und 55 dB(A) bei Tag einhalten. Dazu mußte er alle Anlagen und Aggregate mit teuren Schallschutzkapseln ausstatten und außerdem fünf Meter hohe Lärmschutzwände rund um den Bohrplatz aufstellen. Den durch die Bohrung entstehende Abfall mußte er in speziellen Containern getrennt lagern; er durfte ausschließlich von konzessionierten Unternehmen entsorgt werden, und außerdem mußte über den gesamten Abfallstrom detaillierte Aufzeichnungen geführt werden.

Gleichgültig, ob die Bohrung fündig wurde oder nicht, Karl Walter Block war gehalten, sie am Ende der Arbeiten bis zur Oberfläche mit Beton zu verfüllen, den Bohrplatz anschließend zu beseitigen und das Gelände zu rekultivieren. Ja, er wurde sogar dazu verpflichtet, beim Bau eines Bohrplatzes die Grasnarbe abzuheben, an geeigneter Stelle zwischenzulagern und am Schluß wieder aufzubringen.

Alle diese Maßnahmen würden engmaschig und unangekündigt von staatlich bestellten Inspektoren überwacht werden - auf Blocks Kosten, verstand sich.

»Hauptsache, ich darf endlich bohren«, sagte Block nur.

Teilhaber fand er keine, generösesten Konditionen zum Trotz. Eine kleine Bank am anderen Ende Österreichs, die aufzustöbern ihn Monate kostete, gewährte ihm schließlich Kredit, und so verpfändete er das Haus, den gesamten Grund und Boden, den er geerbt hatte, und investierte darüber hinaus jeden Schilling und jeden Dollar, den er im Lauf der Jahre erspart hatte. Alles, was er besaß, wurde an das Vorhaben verwandt, dem gebirgigen Boden Oberösterreichs Öl abzuringen.

Trotz allem war es zu wenig Geld. Da er es sich nicht leisten konnte, Arbeiter einzustellen, arbeitete er alleine. Auch moderne Maschinen, Tiefbohrmaschinen etwa, mit denen man in schrägen Winkeln hätte bohren können, waren nicht zu bezahlen. Stattdessen telefonierte Block um die ganze Welt und stöberte gebrauchte Aggregate auf, abgewetztes, ausrangiertes Bohrgestänge, schrundige Bohrköpfe und casings für das Verrohren, an denen erst mühsam die Produktionsfehler repariert werden mußten.

Die Leute im Dorf sahen mit mulmigem Gefühl von Ferne zu, wie nach und nach ein Bohrturm in die Höhe wuchs, der am Schluß rund fünfzig Meter hoch war. Fünf Dieselmotoren zu je 400 PS trieben den Bohrer an, der sich schließlich in österreichischen Boden grub. Vier Spülpumpen, von denen jede tausend Liter Suspensionsflüssigkeit pro Minute bewältigte, wuschen das zermahlene Gestein aus dem Bohrloch. Zentimeter um Zentimeter ging es voran, in nervenzerfetzendem Wettlauf mit dem zur Neige gehenden Geld.

Block machte alles alleine. Er verschraubte das Gestänge, betätigte den Flaschenzug, schloß den Spülkopf an, versorgte die Motoren. Und das war der leichte Teil. Wenn es nicht mehr weiter ging, weil der Bohrmeißel endgültig hinüber war, hieß es: das ganze Gestänge wieder herausziehen, Rohr um Rohr abschrauben und seitlich abstellen, bis der Bohrkopf wieder oben war und ausgetauscht werden konnte. Und dann alles wieder hinab: das Gestänge am Bohrtisch festspannen, das nächste Rohr am Flaschenzug befestigen, in Position bringen, anschrauben und dann alles vorsichtig und mit Gefühl wieder ein paar Meter tiefer ins Loch senken - und das mit Dutzenden, am Schluß mit Hunderten von Rohren.

Die Leute im Dorf schüttelten nur noch den Kopf über den Verrückten, der von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht schuftete, als seien tausend Teufel hinter ihm her. Aß der je etwas? Schlief er überhaupt? Eine Krankenschwester, die im Dorf wohnte, gewöhnte es sich an, auf dem Weg zur Arbeit am Block'schen Hof vorbeizufahren und nachzusehen, ob der Mann noch lebte.

Dann waren eines Tages alle Stangen im Loch, doch von Öl keine Spur.

»Jetzt sieht er's endlich ein«, sagten die Leute.

Doch Karl Walter Block sagte: »Ich brauche mehr Gestänge.«

Bloß hatte er kein Geld mehr. Ein paar Schillinge in der Hosentasche, die für keine warme Mahlzeit gereicht hätten, waren alles, was er noch besaß. Er hatte die letzten Wochen nur von Kartoffeln gelebt, die er auf dem alten Kartoffelacker seines Vaters ausgegraben und im Feuer geröstet hatte.

Er ließ sich von der Krankenschwester ins Krankenhaus mitnehmen und bot an, Blut zu spenden, wenn er dafür Geld bekäme. Der Arzt weigerte sich erst, ließ sich dann aber überreden, ihn wenigstens zu untersuchen, und fand zu seiner Überraschung, daß er selten jemand so Gesundes vor sich gehabt hatte, noch dazu mit der seltenen Blutgruppe AB negativ. Block durfte Blut spenden, bekam sein Handgeld und eine kräftige Mahlzeit obendrein, und die Krankenschwester nahm ihn wieder mit ins Dorf.

Doch das Geld reichte nicht einmal für eine einzige weitere Stange.

Block fragte im Dorf herum, nach einer Arbeit, die ihm rasch Geld einbringen würde. Der Wirt stellte ihn schließlich ein, ließ ihn das Vieh auf dem Hof versorgen, den er neben der Wirtschaft betrieb. Einen Vorschuß aber wollte er ihm nicht geben. Block bestellte die Stange trotzdem schon; ging mit dem Geld, das er hatte, zur Post und telegrafierte, bis er einen Lieferanten fand, der auf Rechnung lieferte.

Zwei Wochen später kam sie. Der Transport war teurer gewesen als die Stange selbst. Noch am gleichen Abend schleppte Block sie zu seinem Bohrturm, schraubte sie an, warf die Dieselmotoren an und trieb die Bohrung zwanzig Meter tiefer. Es war ein gefährliches Manöver, denn eine Bohrung wochenlang still stehen zu lassen und dann wieder in Betrieb zu nehmen, das konnte leicht alles zerreissen.

Doch es ging gut, die Stange verschwand im Boden wie alle davor, und weiter geschah nichts. Block schaltete die Motoren wieder aus und stand lange Zeit nur schweigend da, das Bohrloch anstarrend, das im Licht der Scheinwerfer wie eine häßliche, vernarbte Wunde aussah. Dann löschte er das Licht und ging schlafen. Und am nächsten Morgen marschierte er wieder ins Dorf hinab, um beim Wirt im Stall zu arbeiten.

Er schaffte es, die Rechnung für Bohrstange und Lieferung zu bezahlen, ehe die erste Mahnung eintraf, und bestellte gleich die nächste. Auch die verschwand im Boden, ohne daß etwas kaputtging und ohne daß sich im Ausflußrohr irgendetwas rührte.

Block wiederholte alles noch ein drittes Mal, mit demselben Ergebnis. Nur daß allmählich der Herbst anbrach, der Diesel in den Tanks zur Neige und der Bohrmeißel, wie es aussah, seinem Ende entgegen ging.

»Sieh es doch endlich ein«, sagte der Wirt.

»Nein«, sagte Block.

Dem Wirt wurde der Mann allmählich unheimlich. Er nahm ein kleines Versehen zum Anlaß, ihn zu entlassen, und Block mußte sich einen anderen Job suchen: In einer Fabrik im Nachbarort, die Spezialschrauben herstellte und in alle Welt lieferte, ließ man ihn Container auf dem Hof umladen. Es war ein weiter Weg. Block stöberte auf dem Speicher das uralte Fahrrad seines Vaters auf und richtete es leidlich her. Trotzdem sprang ihm die Kette mindestens einmal pro Fahrt ab.

Eine unangekündigte Kontrolle kam ihm dazwischen, fand ihn nicht an der Bohrstelle vor, schrieb ihm trotzdem einen Bescheid, entweder die Bohrung umgehend fortzusetzen oder den Bohrplatz aufzugeben und mit der Rekultivierung zu beginnen. Die Höhe der beiliegenden Rechnung hätte ihn um Wochen zurückgeworfen, also ignorierte er sie und bestellte stattdessen die nächste Stange. Diesmal bestand der Lieferant auf Vorkasse.

Die Mahnung der Behörde kam kurz darauf, die Stange nicht.

Zweite Mahnung. Als Block bei dem Lieferanten, einer Metallfabrik in England, anrief, meldete sich ein Insolvenzverwalter. Die Fabrik, erklärte dieser ihm, sei in Abwicklung begriffen und würde keine Bohrgestänge mehr liefern.

»Ich habe aber schon bezahlt«, rief Block.

»Pech für Sie«, erwiderte der Insolvenzverwalter ungerührt.

Die dritte Mahnung der Behörde kam. Block ging zur Post und überwies einen einzigen Schilling. Darauf reagierte das Getriebe der Verwaltung mit einer neuen ersten Mahnung, den Restbetrag betreffend. Mit dem restlichen Geld bestellte Block eine Stange bei einer anderen Firma, diesmal eine in den Niederlanden.

Die ersten Blätter fielen. Wenn er morgens zur Schraubenfabrik radelte, verhüllte kühler Nebel die Berge. Man werde ihn nur noch bis zum Ende des Monats beschäftigen können, sagte ihm der Personalchef dort.

»Das wird mich auch nicht umbringen«, sagte Block.

Am nächsten Abend lag ein Steuerbescheid im Briefkasten. Ungeachtet der Tatsache, daß die Block Ölförderungsgesellschaft bis jetzt nur Verluste gemacht hatte, wollte das Finanzamt Geld, und zwar nicht nur für das abgelaufene Jahr, sondern auch gleich Vorauszahlungen für das nächste. Die Beträge waren derart jenseits von Blocks Möglichkeiten, daß er den Bescheid dazu verwendete, das Feuer im Herd anzuzünden. Er wärmte sich etwas von der Kartoffelsuppe auf, von der er sich seit Wochen praktisch ausschließlich ernährte, und ging zu Bett.

Endlich kam die Stange aus Holland, vier Meter kürzer als bestellt. Block montierte sie trotzdem, warf die Motoren an, die dicke graue Abgaswolken in den kalten Himmel bliesen, ließ den Bohrtisch um den Kelly einrasten und bohrte los.

Und stieß auf Öl.

Auszug aus dem Roman »Ausgebrannt«, Bastei-Lübbe 2007